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Dienstag, 18. September 07

Zu spät... zu früh!

Ein wunderbarer Altweibersommertag, dessen Sonne uns weckt: Sie kitzelt leicht drängend ganz fein über mein Gesicht.

An diesem Mittwoch frühstücken wir ganz gemütlich mit unseren Freunden und beschliessen, nach eingehendem Studium der Karte, ins Maggiatal vorzudringen und dann Bosco Gurin zu besuchen.

Die Geschichte der Walser hat mich schon früh fasziniert und ich war vor über 30 Jahren das letzte Mal in Bosco Gurin. Leider habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr daran. Diese Lücke muss geschlossen werden. Zumal es in Bosco Gurin zwar kein erwähnenswertes Restaurant gibt, aber ein Pro Spezie rara – Gemüsegarten beim Dorfmuseum.

Einmal mehr staune ich, als wir nach Ponte Brolla ins Maggiatal vordringen – weit und grosszügig das Maggia-Flussbett und ich stelle mir vor, wie viele Leute im Hochsommer die Sonne und das Wasser geniessen….

Über 9 steile Haarnadelkurven und durch goldgrün leuchtende Kastanienwälder dringen wir Richtung das Valle di Bosco

Am Eingang des Tales verrät uns ein Schild, wer hier auf den Strassen das Sagen hat….

                                       
 

  Schilderentdeckung1a

Die frische Luft ist merklich kühler, als wir aus dem Auto steigen, um das Dorf zu „erobern“ – die Sonne aber spielt mit und sofort sind wir der Überzeugung, dass man einen Rundgang durch das Dorf nur abschliessen kann, wenn man am Schluss eine heisse Schokolade oder eine Latte Macchiato auf einer Sonnenterrasse geniessen wird. Aber zuerst geniessen wir mal den Rundgang durch das Dorf:

Kartoffeltrocknen

Hier ist noch genügend Platz für das Trocknen der Kartoffeln.

Museum

Das Dorfmuseum ist wirklich ein Besuch wert! Wir kommen mit der „Museumshüterin“ ins Gespräch und erfahren einiges über die aktuelle Lage der Bevölkerung, die Gebräuche etc. Ich erkundige mich nach den kulinarischen Spezialitäten und leider, leider sind wir ZU SPÄT!

Normalerweise ist dies das Wochenende/die Woche in der die "Måtzufåmm", die Guriner Gemüsesuppe hoch gefeiert wird – aber ausgerechnet heuer wurde der Termin um eine Woche vor verschoben, weil ein Walser-Treffen ansteht. Tja, da kann man nichts machen - ausser den Gemüsegarten bewundern:

Essbare_klette    Mangold

Alles Gemüse und Kräuter, die hier auf 1500 m ü.M. noch gedeihen und mittels derer die Guriner doch noch über die harten Winter kamen (beeindruckt hat mich der Umstand, dass früher nur 4 Mal im Jahr Brot gebacken wurde…). Roggen und Gerste wiegen sich trutzig im Wind und goldener und roter Mangold wetteifern mit Kräutern und wunderschön blühendem Schlafmohn um den ersten Rang punkto Farbe.

Leider öffnet die Bäckerei heute (ausnahmsweise) erst viel später als sonst und so müssen wir unverrichteter Dinge Richtung Sonnenterrasse ziehen. Die Osteria delle Alpi bietet sich an...

Der lauwarme Apfelkuchen ist wirklich ein Gedicht: Geraspelte Äpfel auf einem feinen Biskuitteig, das Ganze ca 8 cm hoch und natürlich mit besonders figurfreundlichem Schlagrahm versehen… Aber mit Sonne im Gesicht versinkt das schlechte Gewissen gleich im Latte Macchiato.

Auf der Rückreise wollen wir einen Zwischenhalt bei der Macelleria der Gebrüder Boris und Franco Zanoli in Gordevio einschalten, um eine Cicitt zu kaufen.

Pietro Zanoli - „Ja ja, der sei verwandt“ grinst der einer der Brüder - hat selber über hundert Ziegen; geht im Sommer mit den Tieren auf die Alp, macht Ziegenkäse und im Herbst Ziegenwurst. Der Herbst hat angefangen und so hoffen wir, von eben dieser Ziegenwurst ein Exemplar ergattern zu können. Die „Urchuchi Tessin und Misox“ beschreibt diese Wurst mit folgenden Worten:

„Eine Stinkwurst nenne sie die einen – für andere ist es schlicht die beste Bratwurst der Welt. Gemeint ist die Cicitt, eine Ziegenwurst, die es nur im Maggia- und im Verzascatal gibt, eine echte Rarität im kulinarischen Erbe des Tessins.“

Leider, leider seien wir ZU FRÜH dran, verrät uns Herr Zanoli. Die Wurst gibt es erst ab Mitte Oktober und nur bis Mitte, Ende November. Wir erkundigen uns nach anderen Ziegenspezialitäten…. Leider, leider… etwas zu früh, aaaaber natürlich einen feinen Alpziegenkäse von Pietro Zanoli. Wir lassen uns überzeugen und fragen dann noch nach den anderen Spezialitäten des Hauses: „Ja natürlich, Pferdetrockenfleisch, diverse Salami und eine hausgemachte Mortadella“ und stolz zeigt er auf die kleine, aber feine Auslage. Wir entscheiden uns für die Mortadella und bereuen es keinen Augenblick.

Mortadella_maggia1_2

Die feine, adelige, hauchdünne norditalienische Mortadella ist kein Vergleich – ja sozusagen etwas total Anderes. Diese urchige gekochte Riesenwurst hier ist umwerfend – kräftig im Geschmack und natürlich nicht wirklich leicht, aber dafür ideal zum Valle Maggia Brot oder zum Kastanienbrot, also  etwas für’s Picknick. Dass das Fleisch in einem Lorbeersud gekocht wurde lässt sich noch erschmecken und auch sonst ist diese Spezialität nicht gerade etwas für superfeine, empfindliche Näschen.

Dasselbe gilt für den kleinen Geschmacksprotz "Ziegenkäse"....


Maccelleria Valmaggese
Boris und Franco Zanoli
6672 Gordevio
091 753 10 47

Nachtrag:
Bis Mitte Oktober habe ich noch kein Rezept für die "Måtzufåmm" gefunden! Ist vielleicht in der Bloggerwelt ein Mensch mit Rezept?

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Kommentare

Toller und informativer Eintrag, vielen Dank! Ich hatte ja schon gefürchtet, du hättest ganz die Lust am Bloggen verloren...

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