Zu spät... zu früh!
Ein wunderbarer
Altweibersommertag, dessen Sonne uns weckt: Sie kitzelt leicht drängend ganz
fein über mein Gesicht.
An diesem
Mittwoch frühstücken wir ganz gemütlich mit unseren Freunden und beschliessen,
nach eingehendem Studium der Karte, ins Maggiatal vorzudringen und dann Bosco
Gurin zu besuchen.
Die Geschichte
der Walser hat mich schon früh fasziniert und ich war vor über 30 Jahren das
letzte Mal in Bosco Gurin. Leider habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr
daran. Diese Lücke muss geschlossen werden. Zumal es in Bosco Gurin zwar kein
erwähnenswertes Restaurant gibt, aber ein Pro Spezie rara – Gemüsegarten beim
Dorfmuseum.
Einmal mehr
staune ich, als wir nach Ponte Brolla ins Maggiatal vordringen – weit und
grosszügig das Maggia-Flussbett und ich stelle mir vor, wie viele Leute im
Hochsommer die Sonne und das Wasser geniessen….
Am Eingang des
Tales verrät uns ein Schild, wer hier auf den Strassen das Sagen hat….
Die frische Luft
ist merklich kühler, als wir aus dem Auto steigen, um das Dorf zu „erobern“ –
die Sonne aber spielt mit und sofort sind wir der Überzeugung, dass man einen
Rundgang durch das Dorf nur abschliessen kann, wenn man am Schluss eine heisse
Schokolade oder eine Latte Macchiato auf einer Sonnenterrasse geniessen
wird. Aber zuerst geniessen wir mal den Rundgang durch das Dorf:
Hier ist noch genügend Platz für das Trocknen der Kartoffeln.
Das Dorfmuseum
ist wirklich ein Besuch wert! Wir kommen mit der „Museumshüterin“ ins Gespräch
und erfahren einiges über die aktuelle Lage der Bevölkerung, die Gebräuche etc.
Ich erkundige mich nach den kulinarischen Spezialitäten und leider, leider sind wir ZU SPÄT!
Normalerweise ist dies das Wochenende/die Woche in der die "Måtzufåmm", die Guriner Gemüsesuppe hoch gefeiert wird – aber ausgerechnet heuer wurde der Termin um eine Woche vor verschoben, weil ein Walser-Treffen ansteht. Tja, da kann man nichts machen - ausser den Gemüsegarten bewundern:
Alles Gemüse und
Kräuter, die hier auf 1500 m ü.M. noch gedeihen und mittels derer die Guriner
doch noch über die harten Winter kamen (beeindruckt hat mich der Umstand, dass
früher nur 4 Mal im Jahr Brot gebacken wurde…). Roggen und Gerste wiegen sich
trutzig im Wind und goldener und roter Mangold wetteifern mit Kräutern und
wunderschön blühendem Schlafmohn um den ersten Rang punkto Farbe.
Leider öffnet die
Bäckerei heute (ausnahmsweise) erst viel später als sonst und so müssen wir
unverrichteter Dinge Richtung Sonnenterrasse ziehen. Die Osteria delle Alpi bietet sich an...
Der lauwarme Apfelkuchen
ist wirklich ein Gedicht: Geraspelte Äpfel auf einem feinen Biskuitteig, das
Ganze ca 8 cm hoch und natürlich mit besonders figurfreundlichem Schlagrahm
versehen… Aber mit Sonne im Gesicht versinkt das schlechte Gewissen gleich im
Latte Macchiato.
Auf der Rückreise
wollen wir einen Zwischenhalt bei der Macelleria der Gebrüder Boris und Franco
Zanoli in Gordevio einschalten, um eine Cicitt zu kaufen.
Pietro Zanoli -
„Ja ja, der sei verwandt“ grinst der einer der Brüder - hat selber über hundert
Ziegen; geht im Sommer mit den Tieren auf die Alp, macht Ziegenkäse und im
Herbst Ziegenwurst. Der Herbst hat angefangen und so hoffen wir, von eben
dieser Ziegenwurst ein Exemplar ergattern zu können. Die „Urchuchi Tessin und
Misox“ beschreibt diese Wurst mit folgenden Worten:
„Eine Stinkwurst
nenne sie die einen – für andere ist es schlicht die beste Bratwurst der Welt.
Gemeint ist die Cicitt, eine Ziegenwurst, die es nur im Maggia- und im
Verzascatal gibt, eine echte Rarität im kulinarischen Erbe des Tessins.“
Leider, leider seien wir ZU FRÜH dran, verrät uns Herr Zanoli. Die Wurst gibt es erst ab Mitte Oktober und nur bis Mitte, Ende November. Wir erkundigen uns nach anderen Ziegenspezialitäten…. Leider, leider… etwas zu früh, aaaaber natürlich einen feinen Alpziegenkäse von Pietro Zanoli. Wir lassen uns überzeugen und fragen dann noch nach den anderen Spezialitäten des Hauses: „Ja natürlich, Pferdetrockenfleisch, diverse Salami und eine hausgemachte Mortadella“ und stolz zeigt er auf die kleine, aber feine Auslage. Wir entscheiden uns für die Mortadella und bereuen es keinen Augenblick.
Die feine,
adelige, hauchdünne norditalienische Mortadella ist kein Vergleich – ja
sozusagen etwas total Anderes. Diese urchige gekochte Riesenwurst hier ist
umwerfend – kräftig im Geschmack und natürlich nicht wirklich leicht, aber
dafür ideal zum Valle Maggia Brot oder zum Kastanienbrot, also etwas für’s Picknick. Dass das Fleisch
in einem Lorbeersud gekocht wurde lässt sich noch erschmecken und auch sonst
ist diese Spezialität nicht gerade etwas für superfeine, empfindliche Näschen. Dasselbe gilt für den kleinen Geschmacksprotz "Ziegenkäse"....
Maccelleria Valmaggese
Boris und Franco Zanoli
6672 Gordevio
091 753 10 47
Nachtrag:
Bis Mitte Oktober habe ich noch kein Rezept für die "Måtzufåmm" gefunden! Ist vielleicht in der Bloggerwelt ein Mensch mit Rezept?






Toller und informativer Eintrag, vielen Dank! Ich hatte ja schon gefürchtet, du hättest ganz die Lust am Bloggen verloren...
Kommentiert von: Petra | Freitag, 19. Oktober 07 um 20:08 Uhr